Ein Plädoyer für das Leben

In ihrem Buch „vier minus drei“ beschreibt Barbara Pachl-Eberhart, ihre Gedanken, Gefühle und Erlebnisse nachdem sie durch einen Verkehrsunfall ihre gesamte Familie verloren hat – ihren Mann Heli und ihre beiden kleinen Kinder Thimo und Fini. Es ist ein Buch, das alle Klischees sprengt – ein Plädoyer für das Leben, das Mut macht und die Kraft hat unser Denken zu verändern. Ein Buch, dass man am Ende mit einem Gefühl des Friedens weglegt und der Gewissheit, Zeuge eines Wunders geworden zu sein.

In wunderbaren Worten schildert sie, wie sie das erste Jahr nach dem Unfalltod ihrer Familie wahrnahm und welche Erkenntnisse sie gewann. In zutiefst ehrlicher Weise setzt sich die Autorin darin mit dem Tod und dem Leben, mit Trauer und den eigenen Gefühlen, mit Schmerz und Lebensfreude auseinander.

Ich habe dieses Buch vor etwa 2 Jahren gekauft, weil ich Bücher liebe, die Menschen in Grenzsituationen zeigen – Menschen, die mit Situationen konfrontiert wurden, die für die meisten von uns unvorstellbar sind  – und die gerade da, wo manch andere zerbrechen, ihre wahre Stärke und oft auch Berufung fanden.

Es ist wohl mein Wunsch zu ergründen, was diese Menschen anders machen, was ihnen hilft nach Grenzerfahrungen weiterzuleben und sogar daran zu wachsen.

Doch obwohl der Untertitel „Wie ich nach dem Verlust meiner Familie zu einem neuen Leben fand“ verrät, dass dieses Ereignis Barbara Pachl-Eberhart nicht gebrochen hat, zögerte ich doch lange es zu lesen.

Zu schmerzvoll erschien mir schon allein die Vorstellung meine Familie zu verlieren, zu verwirrend was dann an Gefühlen über mich hereinbrechen würde, und ich fragte mich „Will ich mich damit wirklich auseinandersetzen? Will ich den ganzen Schmerz, die Ohnmacht und Verzweiflung fühlen, die sie damals gefühlt hat?“.

Wie das Leben so spielt

Doch manchmal wird einem die Entscheidung abgenommen, so auch hier. Denn das Leben brachte Barbara und mich zusammen. Ja, sie spazierte einfach bei mir bei der Tür herein.

Ich wusste nicht wer sie war, doch eines fiel mir sofort auf, obwohl sie erschöpft war, strahlte sie aus jeder Pore Glück aus. Ich kann es nicht anders beschreiben, doch diese Frau strahlt von innen. Als ich erfuhr wer sie war, war ich verwirrt („Wie konnte jemand, der so etwas erlebt hat, so viel Glück ausstrahlen?“) und gleichzeitig freute ich mich aus tiefstem Herzen mit ihr.

Nun endlich fand ich den Mut – ja manchmal braucht es auch Mut, um ein Buch zu lesen – mich ihren und meinen Gefühlen zu stellen. Doch was ich zwischen den Buchdeckeln fand, war so ganz anders als alles, was ich kannte oder auch erwartet hatte. Ich habe nicht im entferntesten mit der immensen Kraft dieser Frau gerechnet und ihrer totalen Annahme dessen, was geschehen war.

Ich war auf Verzweiflung und Zusammenbruch gefasst, auf ein langsames Hochrappeln aus dem Staub. Doch was ich hier erlebte, war das Leben pur, mit all seinen Facetten – wo Freude und Schmerz so eng beieinander liegen, wo Trauer willkommen ist und tröstet, wo alles erlaubt ist – einfach weil es ist.

Tabu und Schweigen

Barbara Pachl-Eberhart hat in ihrem Buch „vier minus drei“ ein für viele so wichtiges Thema angesprochen und von allen Tabus befreit, wie ich es noch nie erlebt habe. Es ist als hätte jemand alle Türen und Fenster aufgemacht um frischen Wind in unser Denken zu bringen. Hinweggefegt wurden Klischees  zum Thema Trauer sowie alle Tabus zum Thema Tod.

Alle dachten, das geht nicht,
bis eine kam und es machte.

Was für eine Befreiung!

Wie oft habe ich schon am eigenen Leib oder bei Freunden und Bekannten erlebt, wie ohnmächtig, sprachlos und irritiert wir reagieren, wenn es um Tod und Trauer geht. Doch Barbara zeigt uns in ihrer Offenheit die andere Seite, die Wahrnehmung der Betroffenen. Ihre Ehrlichkeit und dass sie Worte für das Unbeschreibliche findet, sind es, die dieses Buch so besonders machen.

In wunderschöner Sprache, ohne falschen Pathos oder Selbstmitleid, schreibt sie, was sie erlebt hat. Es ist ihr Mut zu ihrer Verletzlichkeit zu stehen, die sie so sympathisch macht. Es ist ihre Ehrlichkeit, die beeindruckt, ganz offen über das zu reden, worüber sonst keiner redet – die nicht einordenbaren Gefühle, die mit dem Tod einhergehen, aber auch die Sehnsucht nach Liebe.

Hier begegnet uns eine Frau, die auf ihr Herz hört, die die Courage aufbringt, sich zu zeigen und gleichzeitig anderen damit die Erlaubnis gibt, auch mehr ihrem Herzen zu folgen und das Leben anzunehmen, mit all seinen Erfahrungen – zu leben.

Doch glaub jetzt ja nicht, dass Barbara nicht auch tiefste Verzweiflung und Schmerz erlebt hat, denn das hat sie – nur sie ist anders damit umgegangen.

Sie war dankbar, dass sie diese 3 wunderbaren Menschen eine Weile begleiten durfte und trug sie im Herzen weiter („ihre unsichtbare Familie“). Gleichzeitig war sie verzweifelt, da sie fürchtete ihre Erinnerungen könnten eines Tages verblassen und sie wollte sich doch so gern an alles erinnern.

Doch sie erkannte auch, je mehr sie am Leben teilnahm, es mit jeder Faser spürte, je lebendiger sie war, desto klarer konnte sie sich schöne Erlebnisse mit ihrer Familie in  Erinnerung rufen. 

Über den Umgang mit traumatisierten Menschen

In ihrer unverwechselbaren Art hat Barbara in ihrem Buch „vier minus drei“ einen Leitfaden für den Umgang mit traumatisierten Menschen geschrieben, den sie sich damals gerne umgehängt hätte.

Und obwohl sie beim letzten Punkt selbst kichern musste, spiegelt diese Aufstellung doch sehr genau wider, wie es ihr damals ging, dass sie sich in einer absoluten Ausnahmesituation befand und wie sie sich gewünscht hätte, behandelt zu werden.

ACHTUNG. TRAUMA.

  1. Diese Frau WIRKT nur so, als ob sie normal wäre.
  2. Sie macht einen intelligenten Eindruck, scheitert jedoch an den einfachsten Aufgaben: Mails beantworten, Formulare ausfüllen, Smalltalk, Termine einhalten, eine Meinung äußern.
  3. Fragen Sie die Patientin NICHT, ob Sie ihr helfen sollen. Helfen Sie einfach.
  4. Fragen Sie die Patientin NICHT, wie es ihr geht!
  5. Wundern Sie sich nicht, wenn die Patientin freundlich zu Ihnen ist und sich dann trotzdem wochenlang nicht meldet. Das ist Teil des Krankheitsbildes und kann Monate dauern.
  6. Falls Ihnen die Patientin etwas verspricht, nehmen Sie es NICHT ernst! Rechnen Sie mit Enttäuschungen. Versuchen Sie, die Patientin ernst zu nehmen, und nehmen Sie dennoch nichts, was sie sagt, wirklich ernst. Sie kann morgen schon alles anders meinen.
  7. Fragen Sie die Patientin NICHT, was sie essen will. Kochen Sie. Irgendetwas. Sie wird es essen.
  8. ACHTUNG: Der Satz „Es ist doch nicht so schlimm“ kann zu äußerster Verunsicherung und sofortigem depressivem Rückzug führen.
  9. Falls die Patientin erklärt, sie stehe kurz vor der Einlieferung in ein psychiatrisches Krankenhaus: Bringen Sie die Geduld auf, Notfallsnummern zu recherchieren. Rufen Sie jedoch NICHT an. Wundern Sie sich nicht, wenn die Patientin nach fünf Minuten wieder lacht.

Auch mich haben diese Zeilen zum Schmunzeln gebracht, und doch liegt sehr viel Wahrheit darin.

Wie viel einfacher wäre das Leben doch für uns alle, wenn es so eine „Bedienungsanleitung“ für alle Notfälle gäbe, die uns handeln lässt, und nicht betreten schweigen und auf Abstand gehen.

Doch ob es mir beim nächsten Mal gelingt die richtigen Wort zu treffen? Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, ob es sowas wie die „richtigen“ Worte oder Handlungen gibt.

Und noch etwas hat mich dieses Buch gelehrt: dass Trauer etwas ist, was sich jeder Vorstellung entzieht und viele Gesichter hat. Jeder begegnet dem Tod und der Trauer auf seine eigene Art und Weise – der eine laut klagend, der andere leise.

Wir können nur begleiten – mit einem offenen Ohr und einem feinen Gespür für das, was die jeweilige Situation gerade erfordert. Und ich hoffe, dass mich das Leben hier leiten wird.

Dem Weg des Herzens folgen

Barbara ist ihrem Herzen gefolgt, auch dann, wenn andere sie dafür kritisierten.
Was Barbara verinnerlicht hat und uns gelehrt hat, ist wohl am besten mit den Worten von Marianne Williamson auszudrücken:

Es zeugt nicht von Erleuchtung, sich zurückzunehmen, nur damit sich andere Menschen um dich herum nicht verunsichert fühlen.

Wir alle sind aufgefordert, wie die Kinder zu strahlen.

Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit Gottes, die in uns liegt, auf die Welt zu bringen.

Sie ist nicht in einigen von uns, sie ist in jedem.

Und indem wir unser eigenes Licht scheinen lassen, geben wir anderen Menschen unbewußt die Erlaubnis, das Gleiche zu tun.

Wenn wir von unserer eigenen Angst befreit sind, befreit unser Dasein automatisch die anderen.

Mein Fazit: 

Ich habe dieses wunderbare Buch an einem Tag gelesen. Ja, ich habe dabei geheult und gelächelt und ich hab den Frieden gespürt, der davon ausgeht. „Vier minus drei“ ist ein Buch über die Begegnung mit dem Tod und gleichzeitig ein Plädoyer für das Leben. Es ist ein Buch das Mut macht – nicht nur Trauernden.

Es zeigt, wie man die Welt auch sehen kann: mit Dankbarkeit und Liebe im Herzen für das was war, und der Annahme dessen was ist – sei es auch noch so schmerzhaft. Gerade im Annehmen dessen, was nicht zu ändern ist, liegt der Schlüssel zukünftigen Glücks.

Ja, es wird nie wieder wie es war – es wird anders.
Dennoch kann es sehr schön werden.

In ihrem 2. Buch „Warum gerade du?: Antworten auf die großen Fragen der Trauer“ wendet sie sich ganz bewusst an Trauernde und ihre Angehörigen.

Mit unendlich viel Feingefühl beschreibt sie darin Erfahrungen, die sie im Umgang mit der Trauer und trauernden Menschen gemacht hat. Sie schreibt über Alpträume, immer wiederkehrende Fragen und gefunden Antworten, aber auch darüber, dass jeder seinen Lebensrucksack zu tragen hat, und die eigenen Lebensaufgaben und -themen ebenso schwer wiegen können, wie der Verlust eines geliebten Menschen durch den Tod.

Denn das Leben verlangt jedem und jeder von uns den Mut ab, sich immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen. Da tut ein wenig Mitgefühl, mit uns selbst und anderen, verdammt gut – und zwar ausnahmslos.

Ich bin Barbara Pachl-Eberhart dankbar, dass sie den Mut aufgebracht hat, ihre tiefsten Gefühle in diesen beiden großartigen Büchern mit uns zu teilen. Es sind Bücher voll Herzensweisheit – einer Weisheit, geboren aus großem Schmerz und großer Liebe.

Und ich freue mich von ganzem Herzen für Barbara, dass sie die Liebe, die sie ausstrahlt und so großzügig mit der Welt teilt, auch widergespiegelt findet – durch ihren Mann Ulrich Reinthaller, ihre bezaubernde kleine Tochter Erika Johanna und viele andere in ihrem Umfeld.
Möge das Glück ihr Begleiter sein.

Mehr über die Autorin Barbara Pachl-Eberhart

Wenn du gerne mehr über das abwechslungsreiche, spannende und berührende Leben von Barbara Pachl-Eberhart erfahren willst, hier ist der Link zu ihrer Homepage
Schöner könnte ich ihren Lebensweg nicht beschreiben – ein Lesegenuss 😀

Vier minus drei

Wie ich nach dem Verlust meiner Familie zu einem neuen Leben fand

Taschenbuch, 352 Seiten
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3-453-70203-5
€ 10,30 empf. VK-Preis 

Leseprobe „Vier minus drei“

Warum gerade du?

Antworten auf die großen Fragen der Trauer

Taschenbuch, 256 Seiten
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3-453-70339-1
€ 10,30 empf. VK-Preis 

Leseprobe „Warum gerade du?“ 

 

(Aug. 2018)
Text: Andrea Bauer
Porträtfoto Barbara Pacht-Eberhart: ©Ulrich Reinthaller

Die Worte von Marianna Williamson stammen übrigens aus ihrem Buch „Rückkehr zur Liebe“.
Hier findest du eine Leseprobe daraus.

 

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